Der Ritterschlag der Natur
Bald schon kommt der Winter, und mit den sinkenden Temperaturen steigt auch das Mitgefühl für die Igel. Mit unseren «faulen» Tipps können Sie den Igeln das Überwintern erleichtern und Unfälle vermeiden.
Nachts streift er durch den Garten – frisst hier einen Laufkäfer, dort eine Schnecke. Auch Spinnen, Regenwürmer und Tausendfüssler verschmäht er nicht: Der Igel ist ein ausgesprochener Liebhaber tierischer Kost und hält so die Schädlinge in unseren Gärten in Schach. Mit unüberlegtem Verhalten macht der Mensch allerdings dem Igel das Leben schwer. Denn jetzt kommt die kalte Saison, die für die beliebten Gartengenossen eine Zeit des Mangels ist. Im Folgenden finden Sie sieben einfache Tipps, damit es dem Igel in Ihrem Garten gefällt und er sicher darin leben und überwintern kann. Denn ein Igel im eigenen Garten kommt einem Ritterschlag der Natur gleich.
Igel im Garten fördern – sieben einfache Tipps
1. Let it be
Natürlich sind wir es uns gewohnt, keine halben Sachen zu machen. Was in der Arbeitswelt ein edler Wesenszug ist, führt im Garten aber leider zu einem Exodus der Insekten und somit auch der Igel. Unsere Gärten sind heute in einigen Gebieten die letzten Zufluchtsorte für viele Tier- und Pflanzenarten. Allen Igelfreundinnen und -freunden sei hier gesagt: Weniger ist mehr! Lassen Sie es wachsen und spriessen. Je mehr Wildwuchs zugelassen wird, desto wertvoller für die Igel. Es ist einzig und allein darauf zu achten, dass vorwiegend heimische Pflanzen verwendet und Exoten ferngehalten werden.
2. Zero waste
In der Natur gibt es keinen Abfall. Die Grüntonne können Sie sich in Zukunft sparen. Schön geschichtete Haufen aus Strauchschnitt, Laub und Totholz bieten dem Igel Nahrung. Insekten und andere Kleintiere finden sich gerne auf und in verrottendem Pflanzenmaterial. Dies ruft dann die Raubinsekten und Spinnen auf den Plan, und alle zusammen werden vom Igel verspeist. Ausserdem dienen solche Plätze dem Igel als Unterschlupf. Es gibt sicherlich eine Ecke in Ihrem Garten, wo eine solche Oase ihren Platz findet – und so dem Igel ein sicheres Ruhelager für den Tag, einen geschützten Ort für die Aufzucht der Jungen sowie ein Nest für die Überwinterung bietet.
3. My home, my castle
Es braucht keine teuren Igelhäuser aus dem Fachhandel. Ganz im Gegenteil: Igel bevorzugen häufig einen Unterschlupf in Hohlräumen, etwa unter Holzbeigen oder Gartenhäuschen. Sie wollen selber etwas bauen? Dazu benötigen Sie lediglich vier Backsteine und ein darübergelegtes Brett. Die Inneneinrichtung übernimmt der Igel dann selbst – solange man ihm genug Material dafür im Garten liegen lässt.
4. Be wild!
Schon klar, mit Geräten wie Fadenmäher und Motorsensen kann heute mit wenig Aufwand an Orten gemäht werden, die früher mangels Zeit und Interesse brachlagen und sich selbst überlassen wurden. Dabei geht vergessen, dass das Unterholz und Dickicht für Igel eine zentrale Bedeutung hat. Weil an diesen Orten gewöhnlich weder Pestizide noch Kunstdünger ausgebracht werden, finden sich dort viele Insekten, Spinnen und all die anderen Kleintiere, die auf dem Speiseplan des Igels stehen.
Mit dem Einsatz von Fadenmähern oder Motorsensen zerstört man Igelunterschlüpfe und wichtige Nahrungsquellen für Igel. Der Einsatz solcher Geräte ist aber auch direkt verantwortlich für unzählige getötete und schwerverletzte Igel. Weil sie bei Gefahr nicht flüchten, sondern sich einkugeln, gehören die Igel zu den Opfern von Fadenmähern und Motorsensen und zu den am schrecklichsten zugerichteten Patienten in den Igelstationen. Häufig können sie nur noch von ihrem Leid erlöst werden. Besonders schlimm ist es, wenn ein Säuglingsnest betroffen ist. Ist der Einsatz von Fadenmähern und Motorsensen unumgänglich, sind Sie dringend gebeten, den Arbeitsbereich gründlich nach Igeln abzusuchen. An besonders unzugänglichen Stellen können Sie mit einem Stock vorsichtig im Dickicht stochern. Mit dieser einfachen Massnahme kann viel Leid und Elend verhindert werden.
5. Food and love
Igel legen auf Nahrungs- und Partnersuche weite Strecken zurück. Pro Nacht ist das etwa einmal um die Berner Altstadt oder den Kreis 8 in Zürich. Um auf diesen nächtlichen Streifzügen Strassenüberquerungen zu vermeiden, können Sie Ihren Garten für die Igel öffnen und damit das Igelrevier vergrössern. Schaffen Sie einfach kleine Durchschlupfe in Ihrem Gartenzaun – und schon ist Ihr Garten offen für tierische Besucher. Bei einem Maschendrahtzaun helfen Sie Igeln, wenn Sie eine Lücke zum Boden lassen. Geeignet sind auch sogenannte Jägerzäune aus Holz, die unten einen Durchschlupf offen lassen.
6. Turn off the lights
Nachtaktive Insekten sind die bevorzugte Nahrung des Igels. Leider führt die Lichtverschmutzung dazu, dass diese Insekten anstelle der Paarung lieber bis zur Erschöpfung um Laternenlichter herumflattern. Die Folge: Ein Bevölkerungsrückgang in der Insektenszene – das ist eine ganz schlechte Nachricht für die Igel. Denn wo es keine Nahrung gibt, kann der Igel nicht bleiben. Hier vier einfachen Faustregeln, wenn es um Beleuchtung geht:
- Braucht es Licht? Nur wenn jemand da ist, der es auch nutzt. Alles andere ist eine sinnlose Vergeudung von wertvollen Ressourcen – etwa auch bei der neu in Mode gekommenen Weihnachtsbeleuchtung auf amerikanische Art.
- Wenn es Licht braucht, benutzen Sie warmes Licht (< 3000 Kelvin).
- Installieren Sie Zeitschalter oder Bewegungsmelder.
- Um den Garten vor dem Licht im Haus zu schützen, ziehen Sie die Vorhänge zu oder lassen Sie die Storen herunter.
7. Keep calm and carry on
Es ist noch nicht aller Tage Abend. Wir können das Ruder noch herumreissen. Geben Sie sich einen Ruck und tun Sie einfach mal – nichts. Schauen Sie dem Wuchern auf dem unbenutzten Teil Ihrer Grünfläche zu. Inseln der Wildnis sind wichtig für die Artenvielfalt und bieten zudem einen optischen Kontrast zum gestutzten Restgarten. Sprechen Sie auch mit Ihren Nachbarn darüber. Zusammen können Sie Ihre Gärten zu einem grossen Lebensraum für Igel, Kröte & Co. machen. Und so ist Ihnen der Ritterschlag des Igels und der Natur gewiss.
pro Igel
Monika Waelti leitet die Geschäftsstelle des Vereins pro Igel: www.pro-igel.ch
Notfallnummer für verletzte und kranke Igel täglich von 16.00 bis 20.00 Uhr: Tel. 0800 070 080
Es ist egal, was die anderen denken
Wenn ich mir die Gärten hierzulande anschaue, finde ich oft ein ähnliches Bild vor: Alles in Reih und Glied, viele Grünflächen gleichen einem Golfrasen, schön gestutzt sind alle Sträucher und Hecken. Unkraut? Auf keinen Fall. Für jede Unregelmässigkeit steht im Werkzeugschuppen ein Gartengerät oder Unkrautvertilger. Noch heute streben viele Gartenbesitzerinnen und -besitzer dieser Gartenkultur nach. Indes, die Arbeit macht sich nicht von selbst. Und so sitzt der enthusiastische Gärtner dann des Abends müde und vielleicht mit einem Sonnenbrand auf dem Gesicht in seinem auf Einheit getrimmten Garten und ist stolz auf das vollbrachte Tageswerk. Der Igel nimmt unterdessen seinen Hut.
Ich selbst bin mit dem Ethos aufgewachsen, dass Gärten und Grünflächen regelmässig gestutzt werden müssen, weil: «Was sagen sonst die Nachbarn?» Glücklicherweise konnte ich diese nutzlose Haltung schon vor einiger Zeit ablegen. Brechen auch Sie die Macht der Gewohnheit, sparen Sie Zeit und Geld und überlassen Sie nicht genutzte Gartenteile der Natur. Innert kürzester Zeit entsteht so aus einer grünen Wüste ein summendes und brummendes Naturreservat. Und mit etwas Glück lässt auch der Igel nicht lange auf sich warten.
Monika Waelti